INTERVIEW MIT FRAU CHRISTA JUNG-ROTH U. BARBARA ROTH ÜBER KUNST UND KULTUR AUF DEM WILHELMSHOF

Seit 1985 gibt es einen ganz besonderen Grund, in der Fronleichnamswoche nach Siebeldingen zu fahren. Auf dem Wein- und Sektgut Wilhelmshof der Familie Roth dreht sich in dieser Zeit alles um Kunst und Kultur. Es ist ein überaus bereichernder Ausnahmezustand, der die Freunde schöner Gemälde, anspruchsvoller Musik, kulinarischer Glanzpunkte und natürlich des Weines alljährlich hier zusammenführt. Die große Resonanz ist für Familie Roth Anlass, die Veranstaltung durch ein eigens Erscheinungsbild zu würdigen. Auch nahmen sie sich Zeit für Rückblicke und Ausblicke. Das Interview führte die Kulturmanagerin Dr. Annely Putz.

Dr. Annely Putz (A.P.): Was hat Sie im Jahre 1985 auf die Idee gebracht, Ihre Gutsräume für Kunstausstellungen und musikalische Darbietungen zu öffnen?

Christa Roth-Jung (CJR): Unsere Familie, insbesondere meine Mutter, war begeistert von schönen Bildern. Mit der südpfälzischen Malerin Marie Strieffler, ihrem Freund Prof. Philippe Steinmetz und Jakob Baqué verband uns eine langjährige Freundschaft. Die Künstler waren gerne bei uns zu Gast und die Besuche in der Neumühle bei Familie Baqué habe ich als Kind sehr genossen. In ganz beson-derer Erinnerung habe ich das Atelier von Marie Strieffler in ihrem Landauer Haus. „Sehet zu Kinder, dass Ihr eure Muse zu etwas Gutem anwendet“ (Platon) wird in unserer Familie gelebt.

A.P.: Haben Sie noch eine Erinnerung an die erste „Siebeldinger Kunstwoche“? Wie war die Resonanz der ersten Besucher und wie wurde die Veranstaltung hier vor Ort wahrgenommen?

CJR: 1985 zur Feier „50 Jahre Deutsche Weinstraße“ luden wir unsere befreundeten Künstler ein in unserem Weingut auszustellen. Die Pfälzer feierten das Jubiläum ihrer Weinstraße und unsere Familie zeigte erstmals die Werke bildender Künstler im Wilhelmshof. Mit unerwartet positiver Resonanz - die Besucher waren begeistert von dem Projekt. Kunstwerke in den Keller- und Lagerräumen, umrahmt von Flaschen und Fässern, das war für die Kunstinteressierten etwas ganz Neues, lebendig und faszinierend. Die Kunst kam aus ihrem „Elfenbeinturm“ in ein altes Weingut.

Schon im gleichen Jahr, also im September 1985, gab es eine Fortsetzung. Dr. Gerhard Lohmüller aus Bonn stellte seine Bilder aus. Als neuer Programmpunkt wurde eine kammermusikalisches Konzert aufgenommen, mit Hans Schafft und Michael Schneider aus Heidelberg, veranstaltet durch die Kreismusikschule Südliche Weinstraße.

A.P.: Wie entwickelte sich die Siebeldinger Kunstwoche im Laufe der Jahre weiter?

CJR: Von der Begeisterung getragen, erweiterten wir 1986 die Ausstellung durch einen musikalischen Programmpunkt. Es spielte ein Bläserensembles der Philharmonie Mannheim, veranstaltet durch die Kreismusikschule Südliche Weinstraße. Die Ausstellung war erstmals eine Woche lang zu sehen und im September 1986 gab es eine zweite Ausstellung. Auch wurde 1986 der erste Wein mit einem Künstleretikett von Lutz Wolf vorgestellt. Der Landkreis Südliche Weinstraße hatte erstmalig die Ausschreibung seines Kunstpreises mit dem Wettbewerb für künstlerisch gestaltete Weinetiketten gekoppelt. Anlässlich der Siebeldinger Kunstwoche wurde das Siegeretikett auf einer 1985er Riesling Spätlese vorgestellt.

A.P.: Der Wandel, den die Siebeldinger Kunstwoche im Laufe vieler Jahre erlebt hat, ist bemerkenswert. Welche Gedanken haben Sie dazu bewogen, das Konzept immer weiter zu entwickeln?/i>

CJR: Vielleicht sind es Leo Tolstoi´s Worte, die uns inspiriert haben „Die Kunst ist eine ansteckende Tätigkeit, je ansteckender sie ist, umso besser ist sie.“

Die Beschäftigung mit der Kunst und den Künstlern war interessant und inspirierend. Die Kunstwoche selbst, der Austausch mit den Künstlern, Musikern und den vielen Gästen war bereichernd. Neben unserer Arbeit im Weingut war der Kontakt mit der Kunst eine anspruchsvolle und abwechslungsreiche Ergänzung. Es war uns ein Ansporn, das Konzept immer weiter zu entwickeln. . 1987 gab es neben der Ausstellung und dem kammermusikalischen Konzert erstmals ein Wein-Menü, das ein bekannter Koch der Region zubereitet hatte. Mit dem Maler Mario Derra legten wir 1987 eine limitierte Auflage von 100 Sonderdrucken auf. Die Serie der Künstleretiketten führten wir fort, indem das Motiv dieses Druckes als Vorlage für das Weinetikett verwendet wurde. Der Sonderdruck wurde als Künstleretikett, gekoppelt mit einem 1986er Riesling bei der Siebeldinger Kunstwoche vorgestellt.

A.P.: Wie gehen Sie bei der Auswahl der Künstler vor?

CJR: Ich besuche Ausstellungen, Kunstmessen und Künstler in Ihren Ateliers. Natürlich bewerben sich auch Künstler bei uns oder wir erhalten Empfehlungen. Die Künstler sollten professionell ausgebildet sein, einem Berufsverband angehören und ihren Beruf hauptberuflich ausüben.

A.P.: In den stilvollen Räumlichkeiten Ihres Sektkellers stellen nicht nur Maler sondern auch Bildhauer und Goldschmiede ihre Werkstücke aus. Wie kam es zu dieser Kombination?

CJR: Am Anfang standen die Malerei und das Kunsthandwerk im Vordergrund. Ab der Kunstwoche 1987 lösten wir uns jedoch vom Kunsthandwerk und stellten ausschließlich Malerei und Bildhauerei aus. Die Goldschmiedekunst wurde als bereicherndes Element neu aufgenommen. Auch die Musik ist mittlerweile ein fester Bestandteil der Kunstwoche. Nachdem zahlreiche Gäste anlässlich der Veranstaltungen für mehrere Tage in die Pfalz reisten, war es uns ein Anliegen, unser Programm durch immer neue interessante Glanzpunkte zu erweitern. So wurde 1992 das Jazz-Konzert am Sonntag aufgenommen. Diese Reihe wurde einige Jahre begleitet durch den Kultursommer Rheinland-Pfalz. 2002 kam die erste Wein-Käse-Degustation dazu, Barbara Roth führte 2011 die Veranstaltung „After Work Art“ ein.

A.P.: Zeigen Sie hauptsächlich lokale, nationale, oder internationale Künstler oder sind Sie nicht festgelegt?

CJR: Die Arbeiten sollen sich gegenseitig bereichern, ansonsten sind wir nicht festgelegt.

A.P.: Gibt es eine künstlerische Disziplin, der Sie sich selbst besonders verbunden fühlen? Sind Sie selbst auch künstlerisch tätig?

CJR: Ich schätze Qualität über alles, das bringt vielleicht unser Beruf, unsere Verpflichtung zur Spitzenqualität mit sich.

A.P.: Inwieweit glauben Sie, trägt der besondere Charakter des Wilhelmshofes zu der hohen Akzeptanz bei den Besuchern bei?

CJR: Vielleicht ist es die Wertschätzung, die wir der bildenden Kunst und der Musik entgegenbringen? Vielleicht ist es die Gastfreundschaft im Wilhelmshof, die besondere Kulisse, vielleicht unsere persönliche Ausrichtung auf Qualität? Möglicherweise ein wenig von all dem?

Ich weiß es nicht!

A.P. Frau Roth, im Sommer 2005 haben Sie gemeinsam mit Ihrem Mann, Thorsten Ochocki die Nachfolge des elterlichen Wein- und Sektgutes angetreten. Und auch Ihnen sind, wie es scheint, die schönen Künste eine Herzensangelegenheit?

Barbara Roth (BR): Der Wilhelmshof ist für mich ohne die Siebeldinger Kunstwoche, nun Kulturlese, nicht denkbar. 51 Wochen im Jahr dreht sich bei uns alles um Wein und Sekt, doch im Frühjahr führt dieser wunderbare „Ausnahmezustand“ zu einer Bereicherung für alle Sinne und den Geist. Wir genießen diese besondere Inspirationsquelle, die Beschäftigung mit Kunst weitet den Horizont. Es ist jedes Jahr ein wunderbares Erlebnis, wenn glitzernde Goldschmiedearbeiten, Skulpturen und Bilder unsere Wahrnehmung der vertrauten Räume verändern.

A.P.: Entspringt Ihr Interesse an Kunst und Kultur persönlichen Neigungen? Sind Sie selbst künstlerisch aktiv oder wollten Sie irgendwann einmal ein Instrument professionell spielen?

BR: (lachend) Nein! Es hat sich bei mir relativ früh herauskristallisiert, dass ich keine musische Hochbegabung habe, obwohl die Neigungen zweifelsohne vorhanden sind. Ich habe mehr als 15 Jahre im Kreisjugendorchester und in der Kreismusikschule SÜW mit Begeisterung musiziert.

A.P.: Was sind die Konstanten der Siebeldinger Kunstwoche nach fast 30 Jahren?

BR: Es ist die „Trilogie“ von Goldschmiedekunst, Bildern und Skulpturen einerseits, die Musik – in Form von Kammermusik und Jazz andererseits, sowie die Kombination mit kulinarischen Genüssen.

A.P.: Erstmals präsentieren Sie die Siebeldinger Kunstwoche mit neuen Namen und einem eigenen Erscheinungsbild. Auch bei der Programmgestaltung gehen sie behutsam neue Wege. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

BR: Stagnation bedeutet für mich Rückschritt. Wenn sich Betriebe, Arbeitswelten und die Gesellschaft wandeln, verändert das auch die Sicht auf die Dinge. Kunst und Kultur nicht mehr „trocken“ und völlig isoliert zu betrachten sondern zu beleben, in dem man in der Ausstellung auch eine After Work Art mit Flying Dinner und Musik feiert, wunderbar mit Freunden und Gästen ins Gespräch findet und in entspannter Atmosphäre genießt.

A.P.: Die Kulturlese Wilhelmshof bekommt nicht nur ein eigenes Logo sondern auch eine eigene Internetpräsenz. Welche Perspektiven verknüpfen Sie mit den Veränderungen?

BR: Die „Kulturlese Wilhelmshof“ wird unabhängiger vom Weingut, natürlich bleiben die Räumlichkeiten dieselben. Aber nach fast 30 Jahren ist der Kreis der Kunstfreunde im Wilhelmshof fast genauso groß wie der der Weinfreunde. Das Veranstaltungsprogramm hat mittlerweile eine Dimension gewonnen, die es nahe legt, ihm eine eigene Plattform zu geben.

A.P.: Gibt es Pläne für ein erweitertes Programm in naher Zukunft? Gibt es künstlerische Sparten, denen Ihr besonderes Augenmerk gilt? Welche inhaltlichen Aspekte genießen bei Ihnen einen besonderen Stellenwert?

BR: Es gibt viele Ideen und Pläne. Wir möchten in Zukunft noch mehr die jungen Künstler, wie 2013 die Violinistin Anna Oka, fördern. Wir könnten uns die Zusammenarbeit mit Akademien/Hochschulen vorstellen.

A.P.: Der Wein und die Künste haben seit jeher ein sehr enges wechselseitiges Verhältnis. Haben Sie eine Erklärung für diese Verbindung?

BR: „Die Kunst ist zwar nicht das Brot, aber der Wein des Lebens“, dieser Satz von Jean Paul liegt mir als Oenologin naturgemäß besonders nahe. Ansonsten habe ich auch viel Verständnis für den guten alten Goethe, der auf langen Reisen in Briefen an seine Frau oft um die Zusendung seines geliebten Rotweines gebeten hat. Er war ein Genießer mit einem geselligen Naturell, der Wein war ihm sicher auch Inspirationsquelle (schmunzelt). Und Gottfried Keller befand in einer dichterischen Krise einmal: „…manchmal habe ich so das Gefühl, eine Pulle Wein sei mehr wert, als die ganze Dichterei“. Kunst und Wein, das passt einfach zusammen!


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